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| Norbert Gramer • kunst für natur l'art pour nature art for nature | ||||||
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Jahrhundert
der Migration. Gedichte, Erzählungen & Berichte. Einleitung (Auszug) Titel und Untertitel dieses
Buches weisen zwei auf den ersten Blick unabhängige Themenfelder
auf: Migration und Literatur – wenn auch Literatur von
zum Teil nichtdeutschen Autorinnen und Autoren, also von Migranten. Auch Literaturproduktion begleitet die Menschheitsgeschichte seit den frühesten Bemühungen unserer Vorfahren, das Weltgeschehen zu begreifen. Wird dabei Literatur nicht nur nach den enggefassten, oftmals national orientierten literaturtheoretischen Kategorien betrachtet, sondern als Versuch, äußere und innere Begebenheiten im eigenen Erfahrungshorizont verständlich zu machen, so lässt sich der Literaturbegriff erweitern und auf Produkte übertragen, die die persönliche, schriftliche Auseinandersetzung mit der Erfahrungswelt widerspiegeln – unabhängig davon, in welcher Sprache und welchem Land dies geschieht. Die Diskussion der 1970er- und 1980er-Jahre um die sogenannte „Gastarbeiterliteratur“ oder „Migrationsliteratur“ war nach diesem Verständnis schon im Ansatz verfehlt. Sie übersah nicht nur, dass Literatur unabhängig von bestehenden Kriterien eigenen künstlerischen Entwicklungsprozessen unterworfen ist (die Literatur Ernst Jandls, Konkrete Poesie und Dadaismus seien als Beispiele genannt), sondern auch, dass eine wie auch immer vorgestellte „deutsche Literatur“ in reiner Form nie existiert hat. Man unterschlug Namen wie Adelbert von Chamisso oder Elias Canetti – ganz abgesehen von Autoren wie Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt oder Jurek Becker –, die einen festen Platz in der deutschen Literatur haben, und entledigte sich einer Beschäftigung mit der neu entstehenden Literatur mit dem Hinweis, sie beschreibe nur persönliche Erfahrungen und Schicksale und seien thematisch an das Migrationsgeschehen gebunden, sie sei folglich streng genommen keine Literatur. Unerwähnt blieb, dass viele literarische Werke ohne die Erfahrung von Flucht und Exil nicht entstanden wären; große Namen: Heinrich Heine, Thomas Mann, Hans Sahl, Charles Sealsfield sind hier stellvertretend für viele andere zu nennen. Verdienstvoll in diesem Zusammenhang waren sicherlich die Bemühungen von Irmgard Ackermann und Heinz Friedrich, deren Anthologien Anfang der 80er-Jahre ein Forum für die Literatur nichtdeutscher Autorinnen und Autoren bildeten – kritisch wäre nur anzumerken, dass diese gleichsam eine literarische Ghettoisierung erfuhren. Heute hat sich die Situation teilweise geändert: Namen wie Rafik Schami, Carmine Chiellino, Güney Dal oder Renan Demirkan sind aus der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. In dem Band Jahrhundert
der Migration treffen jene beiden Themen aufeinander. Die
Gedichte, Erzählungen und Berichte sind persönliche
Auseinandersetzungen mit dem Migranten-Sein, mit dem –
um eine alte, vielleicht abgenutzte Wendung zu bemühen
– „Leben zwischen den Kulturen“. Aber sie
sind literarische, größtenteils in der deutschen
Sprache erfolgte Auseinandersetzungen, die Distanz und Nähe
gleichermaßen spürbar werden lassen. Das Andere –
als Möglichkeit eines veränderten, verständnisvolleren,
toleranteren Zusammenlebens umschreibbar – das zwischen
den Zeilen hervortritt, ist das Thema aller engagierten Literatur,
unabhängig von der thematischen Anbindung – hier
an die Migration. (Norbert Gramer) |
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